Plädoyer für Menschlichkeit

Zum Video-Release von Much Better, Thank You´s Lullaby

Nur wenige Menschen verlassen gern ihre Heimat. Wer sich auf den Weg macht, um in einem fremden Land, bei einer fremden Gesellschaft Zuflucht zu finden, hat meist eine Geschichte der Verfolgung hinter sich. Er sucht nach einem neuen Leben, weil er dort, wo er geboren und aufgewachsen ist, nicht mehr leben will oder kann. Oft trägt er Sorge für eine Familie, deren Mitglieder, insbesondere die Kinder, sich nicht oder nur unzureichend gegen die schlimmen Lebensumstände in ihrer Heimat wehren können und keine Perspektive haben. Wer, der selbst Familie und Kinder hat, will das verdenken?

Allerdings scheint es vielen Volksvertretern unmöglich zu sein, dafür einzutreten, dass die Solidargemeinschaft eines Staates diesen Menschen eine lebenswerte Existenz verschafft.

Es hat niemand gesagt, dass es einfach wäre, die Herausforderung einer gelebten Solidarität mit Flüchtlingen zu meistern, auch sind Ängste hinsichtlich eines Anstiegs der Terrorgefahr oder um den eigenen Arbeitsplatz verständlich; dass all dies jedoch dazu führt, die Aufnahme von Flüchtlingen abzulehnen, nur Maximal-Kontingente zulassen zu wollen oder gar Mauern zu bauen, um diese abwehren zu können, ist aus unserer Sicht inakzeptabel.

Dem entgegentretend wollen wir mit „Lullaby“ die Menschlichkeit in den Blickpunkt nehmen, da diese ein Gegengewicht bilden kann gegen besagte Ängste und ihre möglichen negativen gesellschaftlichen Folgen.

Der Song ist ein Wiegenlied für Flüchtlingskinder. Bereits 2007 geschrieben, wurde er 2015 wieder furchtbar aktuell und im Frühling 2016 endlich eingespielt. Die akustische Gitarre trägt durchgehend und gleichbleibend ruhig durch den Walzer. Das Schlagzeug setzt ein, einsam klingende Gitarrentöne legen sich darüber, die Geige nimmt sie auf und intensiviert sie. Der Gesang beginnt wie ein Wiegenlied sein soll: sanft und relativ emotionslos wird dem Kind vom vergangenen Tag gesungen. Die Mutter versucht die Situation zu entschärfen und Vertrauen zu geben. Das Kind soll ruhig schlafen können. Die zweite Strophe wird jedoch emotionaler. Die Mutter hat Angst gehabt, besonders um ihren Mann und ihren Sohn. Die Großmutter schläft bereits erschöpft in der Ecke, eine ältere Schwester weint sich in den Schlaf, auch sie braucht noch die beruhigende Stimme der Mutter. „Wir werden nicht sterben“, versucht die Mutter das Kind zu beruhigen, doch die Situation reicht über die Familie hinaus. E-Gitarre und Geige vermitteln eine düstere Stimmung. Ist es noch die Mutter, die die folgende Strophe singt?

Die Welt ist nicht mehr sicher, es ist nicht klar, was der kommende Tag bringen wird. Die düstere Stimmung ergreift auch die Stimme der Mutter – der einzige Hoffnungsschimmer, der ihr bleibt und den sie zu vermitteln versucht: „Wir sind nicht alleine! Du bist nicht alleine. Ich bin bei Dir.“ Geige und Gitarre winden sich aneinander empor, sie umspielen sich, es gibt kurze Momente des Strahlens, der Gesang nimmt die hellere Stimmung auf, er entfernt sich dadurch aus der Hoffnungslosigkeit, aber nur, um den Zustand der Flucht in einen allgegenwärtigen, allgemeinen Zustand zu heben, eine niemals endende, leidvolle Geschichte. Die Musik wird zu einem Ort der Zuflucht und Hoffnung in dieser düsteren Lage. Das Lied ebbt langsam ab. Weine nicht!

Wladislaw Warkentin, Paul Braun und Richard Kraetzig, die Macher des Videos, zeigen Mutter und Kind, die einander suchen, sich jedoch nicht finden und einsam in ihrer jeweils eigenen Welt verharren. Die Dunkelheit ist überall, die Musiker scheinen im leeren All zu stehen, Lichtpunkte bewegen sich um sie herum. Auch die Mutter und das Kind erscheinen und verschwinden wieder in der Dunkelheit. Die Stimmung der Musik legt sich über die Personen wie der Rauch, der immer wieder durchs Bild zieht.

Es gelingt die Themen des Songs, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, aufzunehmen und um eine Facette zu erweitern.

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